Bergwandern mit Hund – Entspannung oder Anspannung

  • su 

Letzte Woche habe ich mir ein paar freie Tage in Italien gegönnt. Einfach mal abschalten, die Natur geniessen, wandern, hoch in die Berge und das alles zum ersten Mal mit meinem Hund Dobby. Als Wanderfreak liebe ich die Berge, besonders wenn ich weit hochlaufen kann. Die ersten Schritte, wenn es anstrengend wird, verfluche ich oft und denke mir, wieso mach ich das eigentlich. Ich schwitze und keuche und komme Schrittchen für Schrittchen meinem Ziel näher. Wie lange noch? Wie viele Höhenmeter sind es noch? Wann bin ich endlich oben angekommen? Aber irgendwann stellt sich so ein entspanntes Gefühl ein, zumindest in meinen Gedanken, nicht unbedingt in meinen Beinen… Die kreisenden Gedanken beruhigen sich, ich komme in einen meditativen Zustand in dem ich wachsam meine Umgebung wahrnehme, die Natur um mich herum regelrecht aufsauge. Ich entdecke verschiedene Krabbeltiere am Boden, blicke vergnügt Schmetterlingen hinterher und analysiere die Blattstrukturen der Bäume und Sträucher. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie wenig ich doch über unsere Vegetation weiss. Welcher Baum ist das eigentlich? Aber das ist ein anderes Thema…

In meiner Vorstellung habe ich mich immer mit einem Hund auf meinen Wanderungen gesehen, also sollte nun die Zeit gekommen sein. Voller Vorfreude auf meine erste Bergwanderung in dieser Saison machte ich mich also mit Dobby auf den Weg. Natürlich habe ich mir gleich eine längere Route ausgesucht. Mit zwar nur 13.8 km nicht die längste, aber mit ca. 1500 Höhenmeter hoch und runter eine intensive. Dobby war auch voller Begeisterung, ist er immer, wenn es rausgeht, ausser es regnet.

Die erste Bergwanderung mit Dobby – geplant 6.5 Stunden – effektiv unterwegs 8.5 Stunden

Normalerweise lasse ich Dobby hin und wieder freilaufen, so kann er in Ruhe schnüffeln und ich entspannt die Umgebung geniessen. So also auch an diesem Tag. Wir waren bereits einige Zeit gelaufen, mitten im Wald, nur wir zwei allein. Also lies ich ihn frei von der Leine. Bereits nach kurzer Zeit hat er allerdings irgendeine Fährte aufgenommen und schwupp war er weg. Auch wenn ich weiss, dass er immer wieder zurückkommt, war mir zu dem Zeitpunkt nicht ganz so wohl. Was, wenn er dieses Mal nicht zurückkommt? Ihn in Italien, mitten im Wald suchen? Na das wäre ein Spass geworden. Instinktiv spürte ich in mir aber ein Urvertrauen, dass er wiederkommt. Also nahm ich die Situation so wie sie war, machte Pause und nutzte die Zeit für ein Picknick. Und siehe da, wenig später kam er wieder angeflitzt, legte sich brav neben mich und war rundum zufrieden – und ich wahnsinnig erleichtert. Dennoch wollte ich nicht, dass er gleich wieder auf Entdeckungsreise geht und nahm ihn an die Leine. Lange Leine beim Wandern ist echt unpraktisch, alle 2 m bleibt die Leine sicherlich an irgendeinem Stein oder Stock hängen, so kommt man nicht wirklich vorwärts. Deshalb umsteigen auf kurze Leine, fand Dobby zwar doof, aber was solls.

Als wir aus dem Wald heraus waren und um uns herum sich die ersten Bergwände und Wiesen zeigten, startete ich einen zweiten Versuch mit Leine los. Es ging erstaunlich gut, so wie ich es gewohnt war. Wenn Dobby zu weit weg war, kam er wieder zurück, um zu schauen, wo ich denn bleibe. Wir beide waren wieder total entspannt und happy. Genauso hatte ich mir das vorgestellt.

Mein Sonnenschein Dobby

Das ging dann solange gut, bis Dobby hoch oben einen Steinbock gesehen hat, oder war es eine Ziege? Ich konnte es jedenfalls nicht richtig erkennen, konnte nur noch zuschauen, wie Dobby in einem Heidentempo die steile Felswand hochjagte mit ohrenbetäubendem Gebell. Mich hat er natürlich vollkommen ignoriert und auch nicht mehr gehört, was für mich wieder ne Zwangspause bedeutete. Irgendwann war die Ziege oder was auch immer wohl schneller, Dobby wollte wieder zurück. Nur dumm, war es sehr steil. Da stand er nun dort oben, jaulte und wusste nicht wie wieder runterkommen sollte. Für mich absolut keine Chance auch nur irgendwie dort hoch zu kommen. Nach längerem Zurufen und Motivieren hat er sich seinen Weg zurück gebahnt. Für mich hiess es jetzt allerdings endgültig kurze Leine – und damit hörte der Spass auf.  

Da die Wege immer schmaler wurden, war es sehr mühsam, wenn Dobby vor mir lief, weil ich entweder immer die Leine vor meinen Füssen hatte, drübergestolpert bin oder Dobby zum Schnüffeln kurz anhielt und ich dann fast über ihn geflogen bin. Entspanntes Bergwandern hatte ich anders in Erinnerung. Der einzige Vorteil war, dass er mich teilweise ein klein wenig gezogen hat, berghoch ja vollkommen in Ordnung. Irgendwann hat es dann doch noch zu regnen angefangen, der steinige Weg wurde zunehmend rutschiger und ich musste mich doppelt konzentrieren, wo ich laufe und wo Dobby läuft. In mir stieg eine Anspannung und leicht gereizte Stimmung auf. Dennoch versuchte ich die Ruhe zu geniessen, die tolle Aussichten und die beeindruckenden Felsformationen.

Zwischendrin die bizarren Felsformationen bewundern

Oben angekommen, gab es zusammengequetscht unter dem einzigen kleinen Dach ein Picknick. Dank der Wolken gab es leider keine weite gute Sicht. Der anstrengende Teil sollte aber noch kommen.

Der einzig trockene Platz auf dem Gipfel, für uns hat es gereicht.

Die ganzen Höhenmeter mussten wir ja jetzt wieder runter, der Regen hielt sich hartnäckig, was die Rutschgefahr erhöhte. Hinzukam jetzt, dass Dobby definitiv nicht mehr vor mir laufen konnte, ich musste mich zu sehr auf jeden Schritt konzentrieren und hätte er hier auch nur einmal ein wenig an der Leine gezogen, wäre ich kopfüber den Berg runtergerollt. Hinter mir zu laufen fand er natürlich vollkommen doof und wollte jede Gelegenheit nutzen, um an mir vorbei zu stürmen. Meine Anspannung stieg zunehmend. Irgendwann kamen wir an eine sehr kritische Stelle. Wir mussten über einen Felsen klettern und auf der anderen Seite gab es wenig Trittfläche, seitlich einen glatten Fels mit einer Kette zum Festhalten. Na Prost dachte ich nur. Ich hatte ja schon Mühe da runter zu kommen. Dobby stand oben und wollte definitiv nicht darunter. Ich stand unten und versuchte vergebens ihn zu motivieren. Umdrehen war jedenfalls keine Option, dafür waren wir schon zu lange unterwegs (wahrscheinlich waren wir hier ungefähr zwischen 5-6 Stunden bereits auf den Beinen). Ich versuchte auf der anderen Seite hochzuklettern und ihm zu zeigen, er solle es auf dieser Seite versuchen, keine Chance. Ihm war der Abstieg nicht geheuer. Also blieb mir nichts anderes übrig als nochmal hoch, den Hund in der einen Hand (zum Glück hat das Geschirr so einen tollen Griff – welch super Erfindung), die Kette in der anderen Hand. Und so balancierte ich uns nach unten. Puuh, da liefen mir einige Schweissperlen den Rücken runter.

Den restlichen Weg hoffte ich das wir endlich unten angekommen sind, es war weder für Dobby noch für mich lustig, beide nass und genervt. Nach 8.5 Stunden waren wir endlich wieder in unserem Heim, fix und fertig.

Und jetzt? Gehe ich nie wieder Bergwandern mit Hund? Das war definitiv mein Gedanke auf dem Weg bergabwärts. Aber ich liebe Bergwandern und ich liebe meinen Hund – und noch mehr Herausforderungen. Was habe ich aus dieser Wanderung gelernt, was wollte mir das Leben zeigen? Wir werden uns jetzt einfach langsamer heranwagen. Fürs erste mal keine Bergwanderungen, eher Wanderungen in weniger luftigen Höhen. Lernen geduldig sein, lernen aufeinander eingehen, Abstriche zu machen und neue Wege zu gehen. Wenn ich es mich brennend in die Höhen zieht, dann vorerst allein und zwar ohne schlechtes Gewissen, dass Dobby nicht dabei ist – auch das eine Erkenntnis. Ich glaube fest daran, dass ich eines Tages entspannt mit Dobby viele Bergwanderungen erleben werde.